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Münchner lernen Radfahren in Bierpalästen!

Aktualisiert: 30. Dez. 2022

Boxenstopp: Rosenheimer Straße Ecke Hochstraße


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert entwickelten sich die Münchner Brauereien zu industriellen Großbrauereien. Diese Entwicklung drückte sich auch in dem Bau von riesigen Bierhallen aus, die Bierpaläste genannt wurden. Aus dieser Zeit stehen heute noch der Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz und das Hofbräuhaus am Platzl. Um 1900 standen noch mehr Bierpaläste in München. Die Bierpaläste gehörten damals zu den Gebäude in München, deren Säle groß genug fürs Radfahren waren.


Münchner Kindl Keller, Sammlung TUM, Nachlass Thiersch, Quelle: Stadtgeschichte München



Wir wollen herauszubekommen, wer früher wo in München Radfahr-Unterricht erteilte. Dazu werfen wir einen Blick ins Münchner Adressbuch. Um 1900 wurde aus dem Münchner Handels- und Gewerbe-Adreßbuch ein sehr gut strukturiertes Nachschlagewerk. Die Stichwörter, die uns Auskunft geben können, welche Angebote es in München zum Fahrradfahren gab, sind zahlreich:

  • Fahren, Fahr-Vorschriften,

  • Fahrrad-Lehrer, Fahrrad-Verkehr, Fahrrad-Industrie, Fahrrad-Fabriken und Niederlagen, Fahrradtheile,

  • Radfahr-Lehrer, Radfahrer-Reisebureau, (Radfahr-)Vereine, Radfahrer-Bedarf-Artikel,

  • Velociped-Fahrlehrer, Velociped-Verkehr, Velodrom.

Sogar das Stichwort "Motorwagen" kommt schon vor.


Aufgrund der guten Gliederung findet man auch heute noch schnell Auskünfte dazu, wo man im Jahr 1900 in München Radfahren lernen konnte.

Die Anzeige von Herrn Eberle, der sein Fahrradgeschäft am Sendlinger-Tor-Platz 5 hatte, sticht ins Auge: Sie wirbt mit Text und Bild und gibt Auskunft zum zeitlichen Aufwand, der nötig ist, um Radfahren zu lernen: Es sei möglich, dass "Dame oder Herr das Radfahren in 3 bis 4 Stunden erlernen" könne.


Auf der Homepage des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) steht, dass das Radfahren lernen "ein komplizierter Prozess" ist, der bei Erwachsenen länger dauern kann. Die Rede ist von mehreren Terminen oder einem Wochenend-Kompaktkurs. Daraus schließe ich, dass drei bis vier Stunden heutzutage nicht reichen, um gescheit Radfahren zu lernen. Herrn Eberles Kurs hätte mich interessiert!


Radfahren lernen in Bierpalästen


Der größte von allen Münchner Bierpalästen war der Münchner Kindl-Keller zwischen Hochstraße und Rosenheimer Straße. Er lag dort, wo heute das Motorama steht. 1885 warb der Münchner Ch. Schad für seine "Privat-Velociped-Schule" in der Münchner Kindl-Brauerei.


Fünf Jahre später, 1890, machte Schads Betrieb Werbung als "I. Münchener Velociped-Fahr-Schule". Diese hatte nun auch einen eigenen Firmensitz in der Kaulbachstraße 9, wo sich die Rennbahn, das Velodrom, befand. Neben dem neuen Namen gab es auch neue Unterrichtsorte. Einer davon war wieder ein Bierpalast, diesmal die Maximiliansbrauerei an der Ismaninger Straße 42. Sie war einer der schönsten Bierkeller Münchens, mit dem es in den 1890er-Jahren allerdings schwer bergab ging. Es lag nicht an der Schönheit des Ortes, sondern am schlechten Bier, das der Pächter, Johann Nepomuk Kreiller, ausschenkte. Die Münchner bezeichneten es als "Kreiller-Plempl". Die Schad'sche Fahrschule war die 1890er-Jahre über in der Maximiliansbrauerei war. Diese schloss ihren Betrieb im Jahr 1900 und kurz darauf wurde der einst so schöne Münchner Ort abgerissen. An den Pächter erinnert heute die Kreillerstraße in Berg am Laim.


Der andere Unterrichtsort, mit dem Schad 1890 im Münchner Adreßbuch warb, waren die Zentralsäle in der Neuturmstraße 1. Das Gebäude steht heute noch und beherbergt das Hotel Mandarin Oriental. Die Zentralsäle waren um 1900 ein beliebtes Volkssängerlokal.


Schad vergrößerte seinen Betrieb stetig. Die Werbeanzeige aus dem Jahr 1900 ist eine seiner umfangreichsten und nach Fahrschulen "im Freien" und "im Saale" gegliedert. Zu dem Zeitpunkt arbeitet er bereits mit dem Männer-Turnverein zusammen und nutzt deren Turnhalle, die eine Alternative zu den Bierhallen ist.


1910 taucht dann kein Bierpalast mehr als Fahrrad-Übungsplatz auf. Schads Fahrradgroßhandlung besaß zu diesem Zeitpunkt noch an folgenden Orten in München Fahrschulen, die nun Lehr- und Übungsplätze hießen:

  • Kaulbachstraße 9: Gartenbahn und geheiztes Wintervelodrom

  • Häberlstraße 11: Garten- und Saalbahn auf dem Turnplatz des Männerturnvereins





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