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Frauen fahren Fahrrad in München!

Aktualisiert: 30. Dez. 2022

Meine Münchner Großmutter radelte für ihr Leben gern. Ihr erstes eigenes Fahrrad kaufte sie sich in den 1920er-Jahren, nach Abschluss ihrer kaufmännischen Berufsausbildung. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich das Fahrradfahren in der Bevölkerung. Immer mehr Menschen fuhren mit dem Rad und auch immer mehr Frauen. Das war nicht selbstverständlich, da um 1900 noch wild gestritten wurde, ob es Frauen überhaupt erlaubt werden sollte zu radeln.

Das Fahrrad trug dazu bei, dass die Frauen weg vom Haushalt hinaus in die Welt hinaus kamen. An diese neuen, „radbewegten“ Frauen musste sich die Gesellschaft erst gewöhnen. Manche befürchteten sogar, dass die "Radlgespenster" (Jugend von 1900, Nr. 4) an den zukünftigen Ehemännern „vorbeiradeln“ könnten (Jugend von 1899, Nr. 48):


„Mädels! Mädels! Wie könnt ihr jemals eine Partie machen, wenn ihr jeden Tag eine Partie macht!"

Karikaturisten verspotteten zeichnerisch die Anlehnungsbedürftigkeit der Frauen, die auch beim Erlernen des Fahrradfahrens zum Vorschein kommen musste. Ein Beispiel hierfür ist die "Warnung an hübsche Radlerinnen" (Jugend von 1898, Nr. 14):


"Nicht zuviel Anhänglichkeit an die Lehrer – sonst lernt Ihr's nicht ordentlich!"

In der Öffentlichkeit wurde teilweise recht rabiat darüber diskutiert, ob Frauen überhaupt aufs Rad gehörten und, "Ob's Rad die Frauen schändet oder adelt" (Jugend von 1899, Nr. 30):


Aus: Jugend 1898 (Nr. 14) / Jugend 1899 (Nr. 30)


Auf der anderen Seite umwarben Fahrradhersteller speziell Frauen. Bekleidungsfirmen brachten eigene Modelinien für die radfahrende Frau heraus. Die in Nürnberg ansässigen Victoria-Fahrrad-Werke inszenierten in ihren Werbeanzeigen radsportliche Begegnungen auf hohem Niveau und bemühten sogar Goethe! Die Werbung für das Victoria-Luxus-Rad ist dem Dialog zwischen Faust und Gretchen nachempfunden. Er lautet „Ein saubres Mädel auf schneidigem Rad zwei Gigerlherzen entzündet hat“ (Jugend von 1898, Nr. 22):


„Verzeihen, mein Fräulein, dürfen wir wagen, Nach des schmucken Rades Herkunft zu fragen?“ „I bitt, san's hoit net gar so fad, ma kennt doch's 'Victoria-Luxus-Rad'“.

  • "Vademcum für Radfahrerinnen. (...) mit einem Tableau von 31 Bicycle-Costümen (...)", Jugend 1898 (Nr. 22)

  • Werbeanzeige der Victoria-Fahrrad-Werke Act.-Ges. Nürnberg", Jugend 1898 (Nr. 13)


Waschmaschinen, Bügeleisen, Kühlschränke, Geschirrspüler... Diese technischen Erfindungen trugen dazu bei, Frauen bei der unbezahlten Hausarbeit zu entlasten. Die Frauenemanzipation ist entscheidend durch technischen Fortschritt beeinflusst worden! Mit dem Fahrrad radelten die Frauen in die Zukunft. Das sah um 1900 so aus:


"Die Frau vor dem Rad. Hinter dem Rad. Auf dem Rad", aus: Jugend von 1896 (Nr. 21)


München im Zeichen des Zweirads


In München stellten die Medien bereits um 1900 fest, dass die Welt "im Zeichen des Zweirads" stehe. Das Fahrradfahren wurde als "Massenwahnsinn ohne Gleichen" bezeichnet und der "letzte Fussgänger" beschworen! (Jugend von 1896, Nr. 26). Die so beschworenen Zeiten sollten erst noch kommen. Auf den fotografischen Stadtansichten von München aus dieser Zeit sieht man selten Frauen Radfahren. Eine konnte doch gefunden werden. Sie radelt die Paul-Heyse-Straße hinunter an Vorstadtvillen vorbei. Wenn Sie heute diese Straße entlangradeln, dürften Sie einen weniger friedlichen Eindruck gewinnen als die Dame im Bild unten:


Quelle: Stadtarchiv München


Der Münchener Damen-Radfahr-Club


Der erste Münchner Radfahr-Verein war der "Münchener Velociped Club", der 1869 von hochradbegeisterten Herren gegründet worden war. Wie organisiert waren die radbegeisterten Damen Münchens?


Werfen wir einen Blick ins Vereinsregister Münchens. 114 Radfahrvereine sind dort für den Zeitraum der Jahrhundertwende verzeichnet. Von einem kann mit Sicherheit gesagt werden, dass er weibliche Mitglieder hatte. Dies war der "Münchener Damen-Radfahr-Club". Dessen Vorständin, Karoline Fugina, war mit dem Tuchhändler, Josef Fugina, verheiratet, der seinen Laden in der Sonnenstraße 2 hatte. Diese Adresse diente auch als Sitz der radelnden Damen!


Für die Damen galt wohl noch mehr als für die Herren, dass sie aus gut situierten Verhältnissen stammten, um Radfahren als Hobby betreiben zu können.


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