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Hochradfahrer gründen den Münchener Velociped Club!

Aktualisiert: 30. Dez. 2022

Boxenstopp: Ehemalige Museumstraße: Abzweigung von der Maximilianstraße südlich des heutigen Museums Fünf Kontinente zur Hildegardstraße.


Der Traum vom Selbstfahren jenseits des Pferdes beginnt mit dem Fahrrad: Die Vélocipèdes oder Schnellfüße machten es möglich! Der Name "Vélocipède" geht auf Karl Drais, den Erfinder des Laufrads zurück. Unter diesem Namen hatte er 1818 seine Erfindung zum Patent angemeldet. Das Wort "Fahrrad" taucht später auf und geht erst 1900 in den Duden ein.

Das Pferd hatte über Jahrhunderte die Mobilität der Menschen und deren Wortschatz geprägt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Velocipede dann nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahlrohren gebaut. Die davon abgeleiteten Namen waren „Stahlross“ oder „Drahtesel“. Diese ersten Fahrräder waren Hochräder, deren Nutzung den Mutigen vorbehalten war. Die gab es auch in München!


Die ersten Münchner Hochradfahrer

1869 gründeten begeisterte Hochradfahrer den "Münchener Velociped-Club" (M.V.C.). Er gilt als der erste Fahrradclub Münchens. Die Vorstandsmitglieder präsentierten sich im Jubiläumsjahr 1894 so, wie sich früher stolze Kaufleute präsentierten, was man heute noch in der Alten Pinakothek bewundern kann. Fahrradfahren war damals kein Massensport, sondern wenigen vorbehalten. Mitglieder eines Fahrradclubs, waren Mitglieder in einem exklusiven Verein und dieses Bewusstsein sieht man den Herren an:


  • Die Vorstandsmitglieder des Münchener Velociped-Clubs [M.V.C.], 1894

  • Zum Vergleich: Frans Hals, Der reiche Garnhändler Willem van Heythuysen, um 1625, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München, CC BY-SA 4.0


Unter den Gründungsmitgliedern des M.V.C. war auch der Cafetier Josef Stängl. Er war Pächter des vornehmen Wiener Kaffeehauses „Café Probst“ in der Neuhauser Straße 45. Diese Adresse lag damals an der Hauptverkehrsstraße Münchens, der ehemaligen Salzstraße. Heute gehört dieser Teil zur Fußgängerzone der Münchner Altstadt. Das Café Probst befand sich dort, wo jetzt das Kaufhaus Oberpollinger am Karlstor steht. Von Josef Stängl ist eine Fotografie überliefert, die ihn auf seinem Tretkurbel-Velociped zeigt:


  • Josef Stängl, Gründungsmitglied und erster Vorstand des M.V.C., aus: Chronik des Münchener Velociped-Club (!), Anerkannter Verein, Gegründet am St. Urbanstag anno 1869, Zur Feier des 25jährigen Bestehens, Bearbeitet und herausgegeben von dem Vorstand im Jahre 1894

  • Ein Clubmitglied des M.V.C. im ersten "Clubcostüm.", aus: Chronik des Münchener Velociped-Club, 1894


Am Münchner Velocipedbergl


Hochräder waren auch noch nach der Erfindung des Automobils durch Karl Benz in den 1880er-Jahren die schnellsten Straßenverkehrsmittel. Sie bestanden aus einem großen Vorderrad, das einen Durchmesser bis zu 1,5 m haben konnte, und einem kleinen Hinterrad, das lediglich als Stütze diente. Je größer der Durchmesser des Vorderrads, desto mehr Strecke ließ sich mit einer Umdrehung der Tretkurbel zurücklegen. Das konnten mehr als 4 m sein. (Vgl. Deutsches Museum Digital, Sport-Hochrad von Coventry Machinists Company, 1882 und Hochrad von Hillmann, Herbert & Cooper, 1883).

Jetzt mussten die Velocipedisten nur noch in den Sattel kommen. Und das ging so: Ein Steg am Vorderrad, der sich hinten am unteren Teil des Rahmens befand, diente dazu, in den Sattel zu kommen: Der linke Fuß wurde auf den Steg gestellt, mit dem rechten Fuß stieß man sich vom Boden ab und wuchtete sich gleichzeitig hoch in den Sattel.


Es gab eine Stelle in München, die dafür besonders geeignet war: Das Münchner Velocipedbergl. Dort rollte das Rad aufgrund des Gefälles von alleine nach unten, was wiederum den rechten Fuß beim Abstoßen vom Boden unterstützte. Dieses Bergl gibt es leider nicht mehr. Es handelte ich um die Museumstraße, die südlich vom Bayerischen Nationalmuseum abzweigte und die Maximilianstraße mit der Hildegardstraße verband. Hier ist der erste Standort des Bayerischen Nationalmuseums gemeint, der sich in dem Gebäude befand, wo heute das Museum Fünf Kontinente untergebracht ist.


Pferd oder Velociped?


1894 veröffentlichte der Münchener Velociped-Club in seiner Jubiläumsschrift zum 25-jährigen Bestehen ein Bild von einem Wettrennen zwischen Hochradfahrern und Reitern. Man sieht deutlich, dass bei diesem Kräftemessen die Hochräder geritten werden: Der Velocipedist befindet sich auf gleicher Höhe wie der Reiter im Sattel. Im direkten Wettkampf lassen die Stahlrösser die Rösser aus Fleisch und Blut hinter sich! Die Hochradfahrer siegen, ihnen gebührt der Siegerkranz:


"Der Sieg des Velozipedisten.", aus: Chronik des Münchener Velociped-Club, 1894


Der Wettkampf zwischen Pferd und Fahrrad sowie zwischen Reiter, Kutscher und Radfahrer wurde auch dann noch heraufbeschworen, als das Hochrad längst Geschichte und vom Niederrad abgelöst worden war. Allerdings ging es dabei oft recht gewalttätig zu. In der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Jugend" aus dem Jahr 1903 findet sich dafür ein besonders drastisches Beispiel, es heißt "Zur Psychologie der Münchner Volksseele":



"In der Nußbaumstraße überfährt ein Droschkenkutscher einen des Wegs kommenden Velozipedisten. Als man den Schwerverletzten aufhebt und wegträgt, meint der biedere Rosselenker: 'Hat der Mensch a Glück g'habt, daß eahm dös grad vorm Krankenhaus passiert is!'"

Anmerkung: In der Nußbaumstraße befand sich die Chirurgische Klinik. Der Name Nußbaum geht auf den Chirurgen Johann Nußbaum zurück. Ihm zu Ehren war die ehemalige Krankenhausstraße vor dem Sendlinger Tor in Nußbaumstraße umbenannt worden.


Hochrad: Vom Statussymbol zum eigenwilligen Hobby

Der Münchner Komiker Karl Valentin hat uns eine umfangreiche Sammlung von Fotografien hinterlassen, die Münchner Originale zeigen. Dabei handelte es sich um Menschen, die durch eine Besonderheit aus der Masse hervorstachen, wie der Hochradfahrer Motschmann. Er soll noch im Jahr 1924 mit dem Hochrad auf Münchens Straßen unterwegs gewesen sein und dabei Geschwindigkeiten von bis zu 15 km/h erreicht haben. Karl Valentin bezeichnete ihn als letzten Hochradfahrer Münchens. In den 1920er-Jahren war es schon 50 Jahre her, als die ersten Hochradfahrer in der Stadt für Aufsehen gesorgt hatten. Mittlerweile waren viele Münchner selbst mit Fahrrädern unterwegs, allerdings mit Niederrädern. Das machte Herrn Motschmann auf dem Hochrad zu einem Menschen mit einem eigenwilligen Hobby, der gut in die Sammlung von Karl Valentin passte.


Karl Valentin konnte Fahrradfahren und zeigte das auch in seinen Stücken. Als Komiker tauchte er fahrradfahrend auf der Bühne auf oder kommentierte von dort das Münchner Verkehrsgeschehen. Hier sehen wir ihn als Radler, der selbst auf dem Dreirad so seine Probleme hat:


  • Motschmann, der letzte Hochradfahrer Münchens, aus: Sammlung Karl Valentin, Stadtarchiv München, vgl. Stankiewitz, Münchner Originale

  • Karl Valentin auf einem Dreirad, Quelle: Valentin-Karlstadt-Musäum


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