Wer sagte was, wann über München?

Aktualisiert: 21. Nov.

Zwei Daten sind für die Anfänge Münchens von großer Bedeutung: Die Jahre 1158 und 1180.


Zuerst zu den Ereignissen von 1158.

Bildnachweis: Die erste Erwähnung von München als "munichen" im "Augsburger Schied", 14. Juni 1158, Faksimile, Quelle: Wikipedia


Streit unter Verwandten! Kann spannend sein, wenn man selbst zuschauen darf. In den 1150er-Jahren hatte Kaiser Friedrich Barbarossa so eine Beobachterposition, wenn es um seine zankenden Verwandten in Süddeutschland ging. Bischof Otto von Freising und Herzog Heinrich der Löwe von Bayern stritten sich um den Verlauf der Salzstraße und die Einnahmen aus dem lukrativen Salzhandel. Es war also von wichtiger Bedeutung, wo die Salzhandelsstraße die Isar querte. Entweder bei Föhring auf dem Gebiet des Bischofs von Freising oder bei Munichen auf dem Gebiet des Herzogs von Bayern.


Wie waren alle miteinander vewandt? Otto war der Onkel von Friedrich und Friedrich war der Vetter von Heinrich. Auf dem Reichstag zu Augsburg 1158 schlichtete Friedrich Barbarossa diesen Streit zugunsten Heinrichs des Löwen. Dieser musste aber dem Bischof von Freising Ersatz zahlen für die Verlegung von Markt, Zollbrücke und Münze nach Munichen. Damit sich alle daran hielten, wurde das Ergebnis aufgeschrieben und unterschrieben. Dabei wurde München als "munichen" das erste Mal erwähnt!


Das Dokument nannte man bisher "Augsburger Schied". Die, die es genau nehmen und lateinisch können, haben darauf hingewiesen, dass von einer "conventio" geredet wird, was soviel wie "Übereinkunft" heißt. Deswegen wird dieses Dokument mittlerweile auch "Augsburger Übereinkunft" oder "Augsburger Vergleich" genannt.


Diese Urkunde gilt als Geburtsurkunde von München. Jetzt kommen wieder die zu Wort, die es genau nehmen. Eigentlich kann es sich nicht um eine Stadtgründungsurkunde handeln, da München bereits existiert haben muss. Aber: Jedes Jahr feiert die Stadt München um den 14. Juni herum (vgl. Ausstellungsdatum des "Augsburger Vergleichs" 14. Juni 1158) das Stadtgründungsfest am ehemaligen Marktplatz, dem heutigen Marienplatz.


Es kommt noch besser: Allen mittelalterlichen Chronisten war dieser "Augsburger Vergleich" von 1158 unbekannt! Er wurde erst in der Frühen Neuzeit 1582 von Wiguleus Hund veröffentlicht.


Jetzt kommen wir zu den Ereignissen von 1180.


Kaiser Friedrich und seine Entscheidungsbefugnisse waren wieder gefragt. Er erklärte Heinrich den Löwen als Herzog von Bayern für abgesetzt. Das war die Chance für den Bischof von Freising: Ihm wurden nun die Markt- und Zollrechte von München zugesprochen. Das Ergebnis wird wieder schriftlich festgehalten und ist die Urkunde, die den mittelalterlichen Chronisten bekannt war! Manchen galt deswegen das Jahr 1180 bzw. der Zeitraum darum herum als Gründungsjahr von München. Interessant ist, dass 1180 auch die Aufzeichnungen des Klosters Schäftlarn von München berichten. Sie sagen, dass München zerstört und Föhring wieder aufgebaut worden ist. Das ist jedoch nicht passiert. Aber denen, die es genau nehmen, gilt der Hinweis in den Schäftlarner Annalen als Hinweis darauf, dass auch damals schon gewusst wurde, dass München älter sein musste, denn sonst hätte 1180 nicht aufgeschrieben werden können, dass es angeblich "zerstört" wurde.


München wird 1180 also nicht zerstört, sondern der Bischof wird neuer Stadtherr. Das bleibt er solange, bis es der Stadt und den Wittelsbachern 1239/40 gelingt, ihn aus dieser Stellung zu vertreiben. 1239 siegelt die Bürgerschaft Münchens das erste Mal selbstständig und verfügt eine Zollbefreiung. Und 1240 findet ein bayerischer Landtag in München statt. Zu dem kommt auch Herzog Otto II. von Bayern. Das gilt als erster Nachweis dafür, dass der bayerische Herzog nun auch Stadtherr von München geworden war.


(vgl. Stahleder, Chronik der Stadt München)



1493 erscheint die erste Abbildung der Stadt München.

Die erste Abbildung von München, von Osten her mit Blick auf das Isartor, Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg, Schedelsche Weltchronik, deutsche Ausgabe, Original-Kolorierung, Nürnberg 1493


Zuerst wird Münchens Ansehen und Aussehen beschrieben:

"Muenchen die statt des oebern teuetschen lannds an dem fluss der yser gelegen ist vnder der fuersten stetten in teuetschen landen hohberuembt vnd in bayerland die namhaftigst. Aber wiewol dise stat fuer new geachtet wirdt so fuertrift sie doch andere stett an edeln gemaynen vnnd sunderlichen gepewen. dann alda sind fast schoene behawsungen. weyte gassen vnd garwolgezierte gotzhewßer."

Kaiser Ludwig der Bayer, der in München geboren wurde, wird erwähnt. Er brachte es vom bayerischen Herzog bis zum Kaiser des Heiligen Römisches Reiches:

"Nachfolgend zu den zeiten hertzog Ludwigs zu bayern vnd des roemischen kaisers hat dise statt mercklich vnd gross zugenomen dann derselb kaiser hat die vorstatt vnd vil andere gepew mit mawrn eingefangen. vnd das alt schloss mit der parfuoßer closter [Franziskanerkloster]. vnd auch das closter Augustiner ordens in der statt auffgepawt. Bey diser statt in vnßer liben frawen pfarrkirchen vor dem hohen altar ligt derselb kaiser Ludwig begraben. alda man dann sein kaiserliche kron mit seinem titel syht."

Münchens Lage an der Isar und seine Bedeutung als Marktort mit Handelsbeziehungen nach Italien werden erwähnt:

"Dise statt Muenchen ist in eim wunsamen ort an der yser gepawt. Daselbst haben die kawflewt zuzeiten iren durchzuch auß welschem in teuetsch lannd."

Es wird auch die damalige Residenz (Neuveste) in München erwähnt und Herzog Albrecht IV. von Bayern. Er war bayerischer Herzog zu der Zeit, als die Stadtansicht Münchens 1493 in der Schedelschen Weltchronik erscheint. Er war mit Kunigunde von Habsburg verheiratet und damit der Schwiegersohn Kaiser Friedrichs III. (vgl. tochterman):

"Alda ist yetzo ein schoens wolgezierts schloss vnd ein fast weyter fuerstlicher hoff vnd behawßung mit vil huebschen vnd wunderwirdigen gemachen. camern vnd gewelben. Dise statt hat bißher mancherlay herren [eher en als nn] gehabt. aber diser zeit hat der durchleuechtig fuerst herr Albrecht hertzog zu bayern kaiser Friderichs des dritten tochterman dise statt innen. vnd [eher nd als nn] neret auß seiner großtatigkeit vil leoben. In diser statt hat ein leobin [Löwin] vil iunger leoblin gewelft."

(zitiert nach: Schedelsche Weltchronik, Bayerische Staatsbibliothek, transkribiert vom Original: S. Graßl, blaue Buchstaben sind im Original hochgestellt oder durch Striche angedeutet)




1544 (1588) wird München in der Cosmographia des Sebastian Münster beschrieben. Die Kosmographie ist das erste Werk in deutscher Sprache, das das Wissen der damaligen Welt allgemeinverständlich zusammenfasst:

"Anno 1315 hat sie Kaiser Ludwig, Herzog von Bayern, erweitert und mit hübschen Bäuen geziert. Danach ist sie nach und nach gebessert worden, also daß zu unseren Zeiten keine hübschere Fürstenstadt in Deutschland gefunden wird. (...) Der Boden um die Stadt ist nicht sonderlich geschlacht, denn es wächst nichts darum, denn allein Kornfrucht."


1572 erscheint eine Beschreibung Münchens im Städte-Atlas "Civitates orbis terrarum" (Georg Braun und Franz Hogenberg, hrsg. von W. Bruhn, Leipzig 1938).

Abbildung aus: Zettler, Alt-Münchner Bilderbuch, 1918. Bei Zettler ist zu der Abbildung vermerkt: Anonyme freie Kopie eines 1571 bei Weigl in Nürnberg erschienenen Holzschnitts.


In der Beschreibung von München werden auch die Löwen (vgl. 1493 Schedelsche Weltchronik) erwähnt:

"München übertrifft viele fürstliche Städte durch seine Paläst und Sauberkeit. (...) Die Lage der Stadt ist mancher Bequemlichkeit halber äußerlich wie innerlich überaus lustig und wegen ihres wohl temperierten Klimas über die Maßen gesund. (...) Aus dem Neue Schloß kann man durch eine Schnecke [Wendeltreppe] in einen Saal [Kunstkammer] steigen, der so voll schöner und lieblicher Dinge, die Natur oder menschliche Kunst ausgedacht hat, daß jeder, der hereinkommt, er habe noch so viel Wunderbarliches geschaut, darinnen doch etwas Neues sieht. Im alten Fürstlichen Hause [Alter Hof] hält man Tiger, Bären, Luchse und zur Zeit 12 Löwen, deren Weibchen oft jungen. Da hat auch Herzog Christoph ein Malzeichen errichtet mit daneben aufgezeichneten deutschen Reimen. (...) Der Patricierstand ist hier etwas edler als anderswo und pflegt jedes Jahr den Brauch zu halten, Sonntags nach Heil. 3 Könige alle, mit Weib und Kindern, zu Wagen aufs Schloß und an die Haupt-Stadttore zu fahren, es seien gleich die Gassen beschneit oder nicht; folgenden Tages aber tanzen sie auf dem Rathause mit den Höflingen und richten ihrem Fürsten ein stattliches Mahl zu. Am Fronleichnamstag wird allda eine so gewaltige Procession gehalten, daß man sie schier mit den Triumphzügen der alten Römer vergleichen kann."

1574 wird München in der "Beschreibung und Contrafactur der vornembster Stät der Welt" (vgl. 1572 Städte-Atlas "Civitate orbis terrarum"; jetzt erscheint die deutsche Ausgabe dazu) erwähnt:

"München (...) ist eine gar treffliche Stadt des bayrischen Landes (...) Hat eine lustige Lage und auf der Ebene ein schönes Schloß. Allda pflegen die bayrischen Fürsten zu unserer Zeit das Hoflager zu halten. Allda werden immer und immer wieder Löwen gehalten, und pflegen die Löwinnen allhie Junge zu ziehen."


1580 macht der französische Schriftsteller Michel de Montaigne auf seiner Reise nach Italien Station in München:

"[München] einer großen Stadt etwa im Umfang von Bordeaux [wo Montaigne herkommt], Hauptstadt des Herzogtums Bayern und erster Residenz am Ufer der Isar. (...) Sie hat ein schönes Schloß und schönere Stallungen als ich je in Frankreich und Italien gesehen habe, gewölbt und zur Aufnahme von zweihundert Pferden bereit. Es ist eine stark katholische, bevölkerte, schöne und handelsreiche Stadt. (...) Wir fanden dort in unseren Zimmern Vorhänge, aber keine Betthimmel vor, und im übrigen alles sehr sauber; die Fußböden werden mit Holzwichse, die gekocht sein muß, gebohnert."


1597 erscheint eine weitere Darstellung Münchens in dem Werk des Astronoms und Kartographen Caspar Volpel, dem "Supplementum Europae Vopelianae". Wir erfahren nichts Neues, da auch damals schon einer vom anderen abgeschrieben zu haben scheint. Es bleibt zu hoffen, dass wir folgenden 17. Jahrhundert wieder mehr Neues erfahren.

"Es ist kein Land in Deutschland [Bayern], das mehr wohlerbaute Städte hat, nämlich 34. (...) Unter diesen Städten ist München die vornehmste, da die Herzöge Hofhaltung haben. Da sieht man allezeit Löwen, die auch bisweilen Junge haben. Diese wird die schönste Stadt von ganz Deutschland genannt."


1600 (1586) erscheint in Köln eine Darstellung Münchens in dem Werk von Mathias Quad von Kinkelbach. Quads Beschreibung Münchens folgt der, die im Städte-Atlas von Braun und Hogenberg zu finden ist:

"München hat unter allen Städten Deutschlands, die den Herzögen unterworfen sind, an Schönheit den höchsten Stand und Preis (...) Unter den Herzogsstädten, welche Wohnsitze der Fürsten sind, ragt München hervor durch Größe, Schönheit und Reinlichkeit. Sowohl die Lage wie der Boden der Stadt sind durch viele günstige Umstände sehr wohnsam und durch gemäßigtes Klima sehr gesund (...) Die Stadt hat (...) im Süden aber sowohl herrliche und an verschiedenen Arten sehr schmackhafter Fische überreiche Seen, wie auch ringsum überall mannigfache Wälder, welche gleichsam mit Fleiß und Kunst zur Lust angepflanzt und mit großen Scharen verschiedenen Wildes, besonders rudelweise umherlaufende Hirsche, erfüllt sind. Die Tiroler Berge sieht man gegen Süden wie vor der Thüre (...) Betrachten wir die Stadt selbst, so sehen wir, wie breit und rein die Straßen sind, von wie stolzen und schönen Gebäuden sie glänzen, und welchen Nutzen und welches Vergnügen die in dreifacher Leitung aus der Isar in die Stadt geführten Kanäle den Bürgern bereiten. (...) Im alten Hofe füttert man Tiger, Bären, Luchse und gegenwärtig zwölf Löwen, deren Weibchen häufig Junge werfen. (...) Am Fronleichnamsfest ferner wird der Bittgang mit so königlicher und glänzender Ausstattung geschmückt, wie es schwerlich bei irgend einem anderen Volke geschieht"


1601 (1587) erscheinen 200 historisch-geographische Beschreibungen deutscher Städte im Werk des lutherischen Humanisten und Historikers Matthäus Dresser [Isagoges historicae, 5 Bde., Leipzig (III Jena) 1586-1606]. Dieses Werk wurde von den Zeitgenossen sehr geschätzt:

"Heute ist München Sitz der bayerischen Herzöge und übertrifft an Schönheit viele andere Städte. Vieles sieht man da, was mit außerordentlich viel Erfindungsgabe und Kunst und mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit gearbeitet und gefeilt ist. Hervorragend ist unter anderem die reiche und ungeheuere Bibliothek, welche ungefähr 40000 Bände umfaßt, wovon ein großer Teil Handschriften sind."


1611 besucht der Augsburger Kunstagent Philipp Hainhofer München. Er ist öfter in der Stadt und verfasst mehrere Reiseberichte über seine Aufenthalte.

Der erste Stadtplan von München, Tobias Volckmer, 1613, koloriert

Zu den Löwen, die in München gehalten wurden (vgl. 1493 Schedelsche Weltchronik), schreibt er:

"Nahe dem Alten Hof wurde ein Löwenpaar gehalten, das täglich zweiundzwanzig Pfund Fleisch vertilgte."

(zitiert nach, Adalbert Prinz von Bayern, Als die Residenz noch Residenz war)


Münchens Aussehen beschreibt er wie folgt:

"Die statt an Ihr selbsten ist zimblich gross (...) hat schöne, weite, lustige, saubere gassen, zwar nit gar hohe, aber hübsche ebne stainine häuser, und darunder vil gemahlte, einen schönen marckht, weitte tieffe wassergräben, ain Rathaus all antica, dass landhauss gleich darbey, stehen beyde auf dem Weinmarckht und hat es umb den Weinmarckht herumb die höchste häuser von vier gaden, sonst fast durchgehendes nur von einem gaden."


1644 weilt der protestantische Reiseschriftsteller Philipp Zeiller in München.

Der Marckt zu München, Matthäus Merian, 1644


Seine Beschreibung Münchens geht ein in Matthäus Merians Topographie [Matthäus Merian, Topographia Bavaria, Beschreib- und Aigentliche Abbildung vornembsten Stätt und Orth in Ober und Nider Beyern, der Obern Pfaltz, und andern zum Hochlöblichen Bayrischen Craiße gehörigen Landschafften, Frankfurt 1644]:

"[München] ist ein überauß schöne Statt und wird erachtet, daß kein schönere Fürsten Statt in Teutschland zu finden seye (...) Die Häuser seyn groß, schön und prächtig erbauet, haben artige Manier mit den Wasser-Eymern das Wasser hinauff zu ziehen und zu schöpfen und seyn solche, sonderlich auff dem Marckt schön gemahlet (...) der Lufft seye allda gar gesund, habe einen schönen Marckt, auff welchem unlängsten von rotem Marmor ein Säul auffgerichtet worden, auff dessen Spitz oder Höhe die Mutter Gottes mit dem Kindlein Jesu im Mond stehend, alles stattlich vergüldet, zu sehen; gebe allda stattlichen Handel mit Wein, Saltz und Getreyd, und werden jährlich zween vornehme Märckt oder Messen gehalten."


1652 macht Gottfried Ehrenreich Berlichius, ein Student aus Leipzig, während seiner Reise durch Europa Halt in München. In seinem Tagebuch notiert er:

"München. Diese stadt ist sehr schön unndt groß, lieget gantz in der ebene unndt rundt, der churfürsten auß Bayern hofstadt; ist von außen sehr feste, mit gräben unndt wällen, auch munition wohl versehen (...) Waß das schönste allhier zu sehen, ist die überauß schöne residenz, ein sehr groses gebeüde, begrifft in sich die kunstkammer, keysersburg [wohl die um den Kaiserhof gelegenen Gebäude], churfürstliche gemächer, capelle, zeughauß; ist ganz ins gevierde gebauet, ist ein solches schloß, dergleichen nicht in Europa zu finden, welches von einem fürsten in Bayern angefangen, von dem verstorbenen aber vollendet worden. (...) Noch in einem gemach ist ein ofen, der wegen seiner kunst unndt schönheit 30000 th[a]l[e]r soll gekostet haben, dabey sich der könig in Schweden gesetzet, alß er München eingenommen unndt gewinschet, daß dieser ofen zu Stockholm wehre."


1674 wird die Schönheit der Stadt München mal wieder durch einen Besucher geprießen. Diesmal von Galeazzo Gualdo Priorato aus Bologna:

"München ist eine der schönsten Städte Deutschlands (...) Es wohnen in ihr zur Zeit etwa 18000 Seelen und die Häuser sind sehr stattlich und bequem, die Straßen weit und hell und das Pflaster rein gefegt. Die Luft ist frisch und vortrefflich, weshalb die Leute sehr lange gesund bleiben. Es gibt da sehr breite Plätze und es fehlt an nichts, was Glanz und Pracht erzeugt."


1687 veröffentlicht Anton Wilhelm Ertl den "Kurbayerischen Atlas".

Ansicht Münchens in: Kur-Bayerischer Atlas. Ansichten und Beschreibungen altbayerischer Städte aus dem Jahr 1687


Über München ist darin zu lesen:

"Dieses ist die weltberühmte Churfürstliche Haupt- und Residentz-Stadt in Bayern, ein hellgläntzende Sonnen deß gantzen Lands, ein unschätzbares Perl Europae, ein unvergleichlicher Schatz deß werthen Teutschlands, ein Spiegel der Adelichen Hof-Sitten, ein Pallast der Gerechtigkeit, ein Sitz der Andacht und Glaubens-Eifer, mit einem Wort, ein Ausbund alles, was in vielen Ländern mag gefunden werden. (...) In dieser Churfürstl. Haupt-Stadt befindet sich auch in überaus weiter Platz oder Markt, auf dessen Mitten ein sehr hohe marmolsteinene Säulen mit einem dick-verguldeten Glockspeissinnen Bild der heiligsten Jungfer, und allerhand Engeln sich in die Lüffte schwinget, so alles von Churfürsten Maximilian dem I. mit ungemeinen Kosten aufgerichtet worden. Der Marckt ist von Oost mit dem prächtigen Rathaus, von Nord mit dem schönen Landschaffthaus, und rings umhero mit hohen schönen gemahlten Häusern umringet, allwo ein schöner Prospect in die Neuhäuser Gassen hinauf zu dem so genannten schönen Thurn Anleitung gibt die Augen zu ersättigen. (...) Die Stadt ist sehr Volckreich, und weil ein neuer Handel allda mit Tuchmachen, Seidenwürcken, Glasmacherey mit grossem Nutzen eingeführt worden, also wird die Anzahl deß Volks und Burgerschafft noch mehr erweitert."


Am 18. November 1689 beschwert sich der Hofhutmacher Johann Turin über die schlechte Luft bei seinem Haus am Färbergraben 3 (vgl. 1644 Zeiller, 1674 Priorato, die als Besucher die gute Luft in München rühmen). Darüber hinaus erfahren wir auch, dass streitende Nachbarn vor 300 Jahren nicht anders gestritten haben als heute:

"Er [Turin] habe seither [seit 10 Jahren] 50 Gulden für Bachräumung ausgegeben. (...) Auch schütte er kein Kot in den Bach. In der Sommerhitze könne er tagsüber keine Fenster öffnen und wenn er abends kühle Luft haben wolle und sie aufmache, käme ein fürchterlicher Gestand in seine Wohnung. Er finde deshalb auch keine Mieter für seine oberen Zimmer, weil die ganzen Leute aus der Nachbarschaft, sogar die aus dem Kreuz, mit ihren Nachtkübeln ankämen und sie auf dem Steg neben seinem Haus in den Bach leerten. Er selbst lasse jeden Abfall gegen ein Trinkgeld aus dem Haus tragen und wegfahren. Welche unterschiedlichen Krankheiten doch aus diesen Dingen kommen könnten! Dabei hätten die Leute in der Nachbarschaft – der Hitzlsperger Branntweiner, der Hirschbräu, der Schäftlbader, der Braunmiller Bäcker – genug Geld und Zinseinnahmen von ihren Inwohnern, um sich selbst Aborte ('Secreta') einzurichten. Der Braunmiller, den er neulich zur Rede gestellt und ihn gebeten habe, er solle doch seinen Unrat bei dem Einguß bei seinem Haus einschütten, habe ihm zur Anwort gegeben, es gefalle ihm so. Der Hutmacher bittet, das abzustellen und vor dem Steg ein Türl anzubringen, zu dem nur er den Schlüssel habe."


1701 erscheint eine Beschreibung Münchens im Atlas-Werk von Michael Wening.

Ansicht Münchens von Nordosten mit Blick auf die Residenz in der "Historico-Topographica Descriptio. Das ist: Beschreibung deß Churfürsten- und Herzogthumbs Ober- und Nidern Bayren", 1701


In Wenings Werk finden sich mehr als 800 Landschafts-Ansichten aus Bayern. Es gilt als die umfassendste Darstellung Europas in der Frühen Neuzeit. Über München heißt es darin:

"[München könne] noch ietziger Zeiten nicht unbillich under die schönste Stätt im Teutschland darumb gezehlet werden, weil sich darinn zwey sehr stattlich- und herrliche Residentzen, vil schöne Gottshäuser, Clöster und andere Gebäu befinden."


Anfang Juli 1729 kommt der französische Schriftsteller und Staatstheoretiker Charles-Louis Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu nach München.

Prospekt des großen Markt gegen U. L. Frauen-Kirch zu München, ca. 1730, aus: Zettler, Alt-Münchner Bilderbuch, 1918


Montesquieu bleibt bis Mitte August 1729 und äußert sich wie folgt über München:

"[München ist] eine schöne Stadt: die Straßen sind breit und schön; die Häuser ziemlich wohlgebaut. Sie liegt an der Issel (!), die in die Donau mündet. Das Klima dort ist gemäßigt: im Herbst ist es schöner als zu jeder anderen Jahreszeit."


1781 bereist der Berliner Schriftsteller und Verleger, Friedrich Nicolai, Deutschland und die Schweiz [Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781]. Nicolai wird 1781 auswärtiges Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Bernardo Bellotto, Ansicht der Stadt München von der Ostseite, 1761, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, CC BY-SA 4.0


Über München schreibt er:

"Der Platz, oder Markt, wo die Hauptwache ist, hat ansehnliche Häuser und offne Arkaden unter denselben. Auf diesem Platze steht ein vergoldetes Bildniß der Jungfrau Maria auf einer hohen marmornen Säule, und um das Fußgestell derselben (...) siehet man geharnischte Engel beschäftigt, Ungeheuer zu zerhauen, welches (...) auf die Vertilgung der Ketzer deutet. (...) Eine Menge Kirchen, düstere Klöster mit langen unzierlichen Facciaten, hin und wieder ein Pallast, und viel solide gebaute aber nicht zierliche Bürgerhäuser, ist was man am meisten siehet. (...) Die Residenz oder das kurfürstliche Schloss ist ein ungeheuer großes schlecht zusammenhängendes Gebäude, ohne Symmetrie und Evrytemie (...) Ich hätte das Gebäude eher für eine Prälatur angesehen, zumal da die Jungfrau Maria, als Patronin von Baiern, so groß daran steht. Das Innere des Schlosses ist prächtig, wie dieß auch in vielen Büchern gerühmt wird."

(zitiert nach Hollweck, In München anno 1782)



1782 erscheint Lorenz Westenrieders "Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt München". Westenrieder kommt in München zur Welt, besucht das Jesuitengymnasium, wird zum Priester geweiht, arbeitet an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und als Stadthistoriker. Seine Darstellung Münchens bietet sich für einen interessanten Vergleich mit der Reisebeschreibung von Friedrich Nicolai an. Westenrieder schreibt:

"Der Umkreis der ganzen Stadt beträgt 5800 gemeine Schritt. (…) Zwischen der ersten, und der zwoten Stadtmauer befinden sich die sogenannten Zwinger, welche den Herren Bürgermeistern angewiesen, und worinn von diesen schöne Gärten angelegt sind. Am Fronleichnamstag stehen dieselben jedermann offen. (…) die Stadt selbst liegt in einer schönen Ebne, mit Feldern und Aekern umgeben, hat gegen Süden die hohen, und schönen Gebirge, gegen Osten den Isarfluß, der vermög einem Meisterstück des Wasserbaus, die Stadt in vielen Kanälen, deren Wasser man, wie man will, erhöhen kann, durchschneidet, und genüßt eine scharfe, kühle, und der Gesundheit überaus gedeyliche Luft. (...) [Die] Residenz in München. Dieses prächtige Gebäud hat viele weitschichtige Höfe, Sääle, Gallerien u.s.w. vornen zwey hohe marmorne, nach dorischem Stil verfertigte Thore, vor deren jedem auf marmornen Gestellen zween Löwen mit Sinnbildern, aus Erz gegossen, sitzen."

(zitiert nach Westenrieder, Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt München, 1782)



1784 haben wir Berichte über München von zwei Benediktinern.


Der Benediktiner-Pater und Bibliothekar des Klosters St. Gallen, Nepomuk Hauntinger, kommt zu einem dreitägigen Besuch nach München. Seine Großeltern liegen auf dem Salvatorfriedhof der Frauenkirche:

"Diese Stadt soll eine der schönsten und volkreichsten Städte Deutschlands sein, (...) Die Gassen sind breit, jene an der Hauptwache [Weinstraße zum Markplatz hin] besonders; es gibt schöne und überhaupt recht große Plätze darin, jenen besonders, woran das Haus der Landstände hingebaut ist. (...) Die Häuser, besonders die an der Hauptgasse, sind sehr prächtig und allemal vier oder fünf Stockwerke hoch, auch kann man bei einigen sechs Stockwerke zählen. Eine große Anzahl majestätischer Tempel, öffentlicher Gebäude, gräflicher, freiherrlicher und Privatgebäude verschönern die Stadt ungemein. (...) Die Stadt war heute zu Nacht (wie alle Mal, wenn kein starker Mondschein leuchtet) mit Laternenlichtern beleuchtet, derer es in der ganzen Stadt 600 gibt, und diese Beleuchtung dient sowohl zur Sicherheit als zur Zierde der Stadt ungemein."

Der entlaufene Benediktinermönch, Johann Pezzl, aus Mallersdorf in Niederbayern hält sich ebenfalls 1784 in München auf. Er ist ein radikaler Aufklärer, der später als Publizist und Bibliothekar in Wein tätig sein wird. Er schreibt:

"Die Stadt ist ein der schönsten in ganz Deutschland; dieß gesteht ihr jederman zu. (...) Die Strassen sind zu Nachts mit 600 Laternen beleuchtet; Aber manchmal steht es mit dieser Beleuchtung, wie mit der Aufklärung im Lande. Es giebt grosse weite Lücken, und tieffe Finsternissen. Die [Landes-]Direktion führt ein Geheimrathskanzelist, der in Ansehung dieses Amtes den Titel eines Komerzienrathes hat, vermutlich weil das Komerzienwesen auch noch vieler Beleuchtung bedarf. (...) Man lebt hier sehr wohlfeil, sehr bequem, und sehr frei."


Aus dem Jahr 1812 verfügen wir über eine Beschreibung Münchens von Joseph Anton Eisenmann.

Der Marktplatz wie eben Schranne gehalten wird, Domenico Quaglio, 1810, aus: Georg Jakob Wolf, Ein Jahrhundert München 1800-1900


Eisenmann verfasst auch einen "Grundriß der Geschichte des Königreichs Baiern", der 1829 erscheint. Über München schreibt er 1812:

"Gleich ältern, großen Städten in Deutschland trägt München in Form, Bauart und Ausschmückung das Gepräge des Zeitgeschmacks und seines antiken Urspungs; zeichnet sich aber durch in gewisse leichtere und gefälligere Art und Haltung vor den meisten zu seinem Vortheile aus. Dem Eintretenden stellt sich gleich das Bild einer schönen Stadt dar. (...) Ein gewisser republikanischer Geist blickt aus der Bauart und Aneinanderreihung der Häuser. Diese sind größtentheils ganz oder zum Theile neu, große und kleine Gebäude stehen neben einander; die Straßen ziemlich breit, nicht strenge nach der Schnur gezogen. (...) Ueberall zeigt sich guter Geschmack und der Ausdruck bescheidener Bequemlichkeit; das Aushängeschild eines raffinirten Luxus findet man nirgends."


1816 liefert der Publizist Christian Müller eine Beschreibung Münchens.

Der Viktualienmarkt auf dem Gelände des Heiliggeistspitals, Friedrich Seibold, 1815, aus: Zettler, Alt-Münchner Bilderbuch, 1918


Müller bringt 1816 die Schrift "München unter König Maximililan Joseph I." heraus. Über München schreibt er:

"München gehört keineswegs unter die großen Städte Deutschlands, die durch den grandiosen oder lieblichen Karakter ihrer Architektur und Lage einen ungewöhnlichen Eindruck auf das Auge des Beschauers hervorrufen. Nichts erinnert an die Reize, welche die Ansicht von Dresden, Wien und Prag in ihrer Größe und Schönheit gewiß Jedem unvergeßlich machen, der sie einmal von günstigem Standpunkte aus übersah. Wenn aber auch der baierischen Königstadt jener Grad hoher Schönheit in ihrer äusseren Darstellung versagt ist, so gewährt sie doch eine bei weitem angenehmere und mehr malerische Ansicht, als das auf sandiger Ebene, ohne irgend einen erhabenen Stand- und Stützpunkt, liegende Berlin, dessen innerer architektonischer Reiz in der flachen Wüste ganz verborgen und unentwikkelt da liegt."


Carl Spitzweg und die Biedermeierzeit

Carl Spitzweg, Der arme Poet, 1839, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek München, CC BY-SA 4.0


Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in München vor allem mit der Herrschaft König Ludwigs I. verbunden, der die Stadt baulich zur repräsentativen Hauptstadt des seit 1806 bestehenden Königtums Bayern ausbaut. München wurde in dieser Zeit moderner! Es verlor nach und nach seine mittelalterliche Stadtmauer und die ersten modernen Großbauten entstanden. Einige davon prägen das Stadtbild Münchens bis heute. Die Stadt veränderte sich innerhalb kurzer Zeit radikal. Und nach Jahrzehnten des Krieges und der politischen Neuanfänge hatte sich das Lebensgefühl der Menschen verändert. Es war die Zeit des Biedermeiers. Dieses Lebensgefühl setzte der Münchner Maler Carl Spitzweg fein und mit hinter­gründigem Humor in Szene.


Carl Spitzweg wird in München in eine wohlhabende Familie geboren. Als er 1865 den bayerischen Verdienstorden vom Heiligen Michael verliehen bekommt, kommentiert er das so:

Wenn einer einen Orden kriegt, Bei uns ist’s so der Brauch, Sagt jeder grad zu ihm ins G’sicht: "Verdient hätt‘ ich ihn auch!" Wahrhaft erfreulich ist dies schon, Es gibt ein treues Bild! Wie hoch muß stehen die Nation, Wo jeder sich so fühlt!!

zitiert nach Wikipedia-Eintrag zu Carl Spitzweg.



1878 besucht der amerikanische Schriftsteller Mark Twain zusammen mit seiner Familie München.

Mit Holz beladene Pferdefuhrwerke am Isartorplatz, München 1878, Stadtarchiv München


Sein erster Eindruck lautet:

"Munich seemed the most terrible, the most desolate, the most unbearable place."

Nach der ersten Nacht notiert er:

"The next morning we all fell in love with Munich."

(zitiert nach Wheatley, Munich)



Zu den Zitaten: Wenn nicht anders angegeben, stammen die Zitate aus der Chronik der Stadt München von Stahleder.